Ein heiteres Fest der Sinne

Eine Stadt im Picasso-Rausch: Málaga putzt sich heraus und ist dank seines berühmten Sohnes Kunstkapitale

von Hartmut U. Hallek, "Die Welt" vom 21. November 2003

Das neue Picasso-Museum zeigt 155 Werke, die Christine und Bernard Ruiz-Picasso als Schenkung übertrugen
Ein strahlender Novembertag im Süden Spaniens. Trubel in den Gassen und Straßen der Altstadt von Málaga. Ihre prächtig herausgeputzten Fassaden leckt die Sonne und verzaubert sie in einen Traum aus Pastell. Dazu kichert sie vom blauen Himmel, denn die fülligen Doñas, das sind die älteren Damen hier in der Geburtsstadt Pablo Picassos, tragen heute Pelz. Nur 20 Grad im Schatten! Wann sonst soll man die guten Stücke tragen! Mit jener hochmütigen Miene dazu, die es in dieser theatralisch indignierten Form nur in Spanien gibt. Als sei sie einem Bild Boteros entsprungen, schreitet eine der bepelzten Walküren gerade an den voll besetzten Straßencafés der Puerta de Mar vorbei Richtung Markthalle. Schuhputzer dienen sich servil an, ihr Lohn ist ein herablassender Blick unter hochgezogenen, scharf geschnitzten Augenbrauen. Die Dame von Welt mit füllig gefönter Frisur und schmollig-cremigen Lippen widmet sich nicht diesen Niederungen der Dienstbarkeiten.
Vielmehr betritt sie an dampfenden Maronenständen vorbei die Markthalle durch das große Hufeisentor. Marmorne Mudéjar-Pracht, 700 Jahre alt, 16 Meter hoch und über sieben Meter breit, rahmt sie soeben. Ob sie weiß, dass die Atarazanas, die sie gerade entlangging, einst Wasserstraße war? Und die Markthalle im Neo-Mudejár des 19. Jahrhunderts da steht, wo im muslimischen Mittelalter in einer riesigen Schiffswerft die Flotten des Kalifen Verstärkung erhielten?
Später wird sie sich in einer der Weihrauch geschwängerten Kirchen mehrmals bekreuzigen, vielleicht in der Pfarrkirche Santiago, in der Pablo Picasso getauft wurde, und dann in einer der trubeligen Seitengassen Tapas verputzen. Zuvor über die schöne Plaza de la Constitución schreiten, an deren ehemaliger Kunstschule Picassos Vater lehrte und Pablo erstmals mit Künstlern zusammentraf.
Das Angebot der Markthalle an frischer Ware, das Gewühl und das Geschrei, die Düfte... Orientalisch ist das, wie vieles in Málaga. Menschen schieben sich an Ständen vorbei, aus denen die Waren fast in die Passagen quellen: glibberiger Tintenfisch und warzige Polypen unter Madonnenbildern, würzig duftender Manchego-Käse und Riesengarnelen aus Cádiz. Málaga ist ein Fest der Sinne.
Ein paar Straßen weiter, fast noch im Schatten der festungsartigen Renaissance-Kathedrale Santa María de la Encarnación, stehen Menschen unter freiem Himmel vor dem neuen Picasso-Museum Schlange. 2000 Menschen reihten sich hier am Eröffnungstag in strömendem Regen ein, 10 000 in der ersten Woche. Und das ist erst der Anfang. In Málaga steht nicht nur das Haus, in dem 1881 Pablo Picasso geboren wurde. Málaga besitzt nun auch dieses faszinierende Museum. Hier, gleich zwischen Kathedrale und der sich wie eine Schlange durch die orientalisch verschachtelte Altstadt windenden Gasse Calle Granada mit ihren zahllosen verrauchten Bodegas, harren die Picasso-Aficionados aus. Eine Stunde wenigstens.
Das mit dem Museum ist eine lange Geschichte: 1953 schrieb Juan Temboury, Kurator der arabischen Festung Alcázaba in Málaga, Picasso und schlug die Eröffnung einer Galerie von Picasso-Werken im "Museum der Schönen Künste im Buenavista Palast" vor. Picassos Kunst gehöre nach Málaga. Den Geist seiner Geburtsstadt nämlich, in welcher Picasso die ersten neun Jahre seines Lebens verbracht habe, und in die er 1900 letztmals zurückkehrte. Doch im Spanien Francos war das nicht möglich. Später verzögern offene Fragen des zu präsentierenden OEuvres, Streit über Kompetenzen und Finanzen und überhaupt der andalusische Schlendrian die Eröffnung immer wieder. Am 27. Oktober 2003 war es endlich soweit. Das Museum öffnete seine Pforten, geadelt durch die Anwesenheit des Spanischen Königspaares und der Hauptstifter der Schau, Christine Ruiz-Picasso, der Witwe von Picassos erstem Sohn, und Bernard Ruiz-Picasso. "Den Traum seines Großvaters" sah Bernard bei der Eröffnung erfüllt, für Christine war es "ein großer emotionaler Augenblick". Ohne ihre großzügige Schenkung von 155 Werken gäbe es das Museum nicht. Die in zwölf Sälen verteilten 204 Exponate stammen aus allen Schaffensperioden, darunter sein vielleicht erstes großes, "Mujer con Mantilla", das er als 13-Jähriger schuf. Unter vielen Highlights finden sich das berühmte Porträt von "Olga Kokhlova", seiner ersten Frau, Beiträge zum Kubismus, bis hin zu Keramiken der späten Schaffenszeit. Seit der Eröffnung der fabulösen Schau ist Málaga im Picasso-Rausch. Man wittert das große Geschäft und kennt die Besucherzahlen des Picasso-Museums Barcelonas: mehr als eine Million im Jahr. Das historische Viertel Málagas um die Kathedrale nennt sich nun schlicht "Entorno Picasso", "Picasso-Nachbarschaft". Mit Paris und Barcelona will Málaga zusammenarbeiten. Ziel ist - wie jetzt auf dem World Travel Market in London verkündet - die Schaffung einer Route seiner Lebensstationen. In drei Etappen soll sie bildungshungrige Amerikaner, Japaner oder Chinesen fix zum Ziel führen.
Die Stadt hat sich herausgeputzt. Auch gastronomisch. Unterhalb der maurischen Festung Alcázaba mit ihrem mächtigen Torre de la Vela und dem Gibralfaro, einer Burganlage phönizischen Ursprungs, mehren sich die kreativen Geister in den Küchen. Im gemütlichen Sterne-Restaurant "Café de Paris" bietet José Carlos Garçia eine solide wie raffinierte mediterrane Küche, Adolfo bringt ein paar Gehminuten weiter unvergessliche Meeresfrüchte auf den Tisch, und am Stadtrand in Churriana setzt das Restaurant "La Cónsula" einen Glanzpunkt. In Málaga, das sich mit seinen Palmen bestandenen Prachtstraßen Alameda Principal und Paseo el Parque zum Mittelmeer öffnet, machen auch immer mehr Kreuzfahrtschiffe Station. Picasso, Relikte einer bald 3000-jährigen Geschichte, der farbenfrohe Süden Spaniens und eine exzellente Gastronomie sind eine Reise wert. Hans-Christian Andersen war schon damals beglückt: "Alle Leute sahen hier aus, als seien sie guter Laune, als hätte das Leben nur seine Sonnen beleuchtete Seite..."


Information: Museo Picasso Málaga, San Agustín 8, E - 29015 Málaga,

Tel. 0034/95/260 27 31,

geöffnet Di-So 10-20 Uhr, Freitag und Samstag bis 21 Uhr.